Zehn vor 5 klingelt erbarmungslos der Wecker. Schnell Klamotten zusammengepackt, das Zimmer gezahlt und in das schon wartende Taxi gesprungen. Mit ist kalt und ich bin froh, dass ich mich für die bequeme Übernachtungsmöglichkeit entschieden hatte. Auch hier ist offensichtlich noch Winter, auch wenn die Tagestemperaturen das Sommermaximum in Deutschland leicht überschreiten. Überpünktlich erreiche ich den winzigen Flughafen. Der Check In (wenn man dieses Tischchen da überhaupt so bezeichnen darf) hatte bereits geöffnet und ich stellte mich in die aus 2 Personen bestehende Schlange. Die Gepäckkontrolle wird hier von einem der Offiziellen per Hand durchgeführt. Dieser wühlt sich nun durch die verschwitzten Klamotten der letzten Tage…. Aber ich als überaus freundliche Person mit Mitgefühl hatte wenigstens alles schön in Plastetüten verpackt - wenn auch aus einem völlig anderen Grund. (Wer einmal sein gesamtes Gepäck klatschnass erlebt hat, nur weil ein Bus undicht ist, der lernt daraus.)
Das Flugticket ist kein Flugticket, wie wir es gewohnt sind, nein, es ist ein gewöhnlicher Kassenbon. Am Personal wird ebenfalls gespart. Die Dame, die mir den Bon am Check-In ausgehändigt hat, sammelt ihn später in der Wartehalle kurz vorm Boarding auch wieder ein… Hier eröffnet sich doch noch eine ganz andere Sparmöglichkeit – auf diesen Papierfetzen könnte man verzichten und so jährlich einem Baum das Leben retten… Unter den 10 Passagieren, die nach der Sicherheitskontrolle sowieso nur eine Richtung einschlagen können, hätte ein Blinder Passagier es selbst ohne Ticket sehr schwer, unbemerkt an Board zu gelangen. Für die Kontrolle des Handgepäcks hat man sich aber einen Scanner geleistet… und prompt fällt Antje negativ auf… „In Ihrem Rucksack ist etwas Metallisches. Könnten Sie ihn bitte öffnen?“ Nein, nicht schon wieder diese blöde Taschenlampe… Als ich die zielsicher aus dem Rucksack hole und vorführe, verneint die Dame…“ Es muss noch etwas anderes da drin sein“… Sch… Das Taschenmesser, das hatte ich ja gestern auf der Zugfahrt im Handgepäck dabei. Schuldbewusst kram ich das gute Stück aus dem hintersten Fach und frage, ob ich das noch in meinem Gepäck verstauen kann (Ich will es schließlich nicht wegschmeißen müssen)… Also die 10 Meter zwischen Security und Check-In zurück gesprintet, an dem zum Glück mein großer Rucksack noch so rum steht, wie ich ihn hab stehen lassen. Manchmal hat es auch Vorteile, dass in diesem Land alles etwas länger dauert. Im durchorganisierten Chaos großer Flughäfen wäre der Rucksack schon lange im Nirvana der Gepäckbänder verschwunden gewesen.
Meine halbvolle Wasserflasche hat übrigens wieder niemanden interessiert, dabei musste ich den Rucksack ja sogar auspacken… Auf dem Weg (zu Fuß quer über den Flugplatz - würde es in Deutschland auch nie geben) schaue ich ins Cockpit und was muss ich sehen? Einen weißhaarigen Rentner – na hoffentlich hat der die richtige Brille dabei… Irgendwie sind in diesem Land alle Busfahrer und Piloten Kinder oder Rentner.
Nach dem Einsteigen in die Maschine setzt sich der schmierige Typ von 4D (hab ich vorher auf seinem „Ticket“ gesehen) in Erwartung eines Gesprächs auf 4B… überhaupt nicht auffällig, wo in der ganzen Maschine aufgrund des geringen Andrangs nur die Plätze A und D (Fenster) vergeben wurden und komischer Weise Platz 4D leer und 4B nun durch ihn belegt ist… naja… Da ich unter Schlafmangel leide, schmeiß ich meinen MP3 Player an und schaue demonstrativ aus dem Fenster.
Beim Abflug winkt das gesamte Security-Bodenpersonal dem Flugzeug hinterher. Das habe ich bisher auch noch nie erlebt… ist aber irgendwie süß.
Der Flug dauert insgesamt nur 25 Minuten, von denen ich die 10 Minuten über Wasser im Tiefschlaf verbracht haben muss, denn bei der Landung auf dem auch nicht größeren Flughafen von La Paz sitzt der Typ da, wo er hingehört – so weit weg wie möglich ;-)
Auch in La Paz dreht der Pilot auf der Landebahn und fährt zurück.
Wieder ist eine manuelle Kontrolle sämtlicher Gepäckstücke angesagt, aber diesmal rettet mich meine Hautfarbe ;-) Der Vorsortierer-Offizielle fragt mich, woher ich komme… Hmm… Wie viele Maschinen sind hier in der letzten Stunde gelandet? Mal überlegen… könnte sein, dass ich aus Los Mochis komme, aber sicher bin ich mir nicht…
„Nein, woher eigentlich?“… „D.F.“..
„Nein, was bist du?“ … „Alemana“… „Ah, si? Tan lejos? Alemania?“
Das war die Auskunft, die mich an allen anderen vorbei zum Ausgang schleuste. Als einzige der Passagiere durfte ich ohne Gepäckkontrolle rein ins US-Ferienparadies – nach Baja California. Kaum hatte ich den „Sicherheitsbereich“ verlassen, wurde ich auch gleich von einem Halboffiziellen (Uniformfrei aber mit Ausweis) angequatscht, ob ich ein Taxi brauche. Ich wollte schon ablehnen, um mir erst einmal einen Überblick über den Taximarkt hier vor Ort zu machen und das günstigste Angebot zu nutzen… Aber nein, der Halboffizielle grinst und geleitet mich zum zentralen Taxistand. Aha, also Einheitspreise… schade. Nun hatte ich die Wahl zwischen einem Collectivo für 150 Peso und einem normalen Taxi für fast 300 Peso. Aufgrund des riesigen Andrangs fuhr ich keine 15 Minuten später allein im Collectivo in Richtung Zentrum und wurde direkt am Busterminal abgesetzt. Noch ein Witz nebenbei: Die Quittung des Taxis beinhaltet eine Lebensversicherung… Klasse, wenn ich im Autowrack verbrenne, dann überlebt dieses Zettelchen unter Garantie…
Der Fahrplan im Terminal zeigt, dass mehr oder weniger alle Stunde ein Bus in Richtung San José del Cabo (wo ich spätestens heut Abend aufschlagen muss) startet, also kann ich mir in Ruhe La Paz anschauen. Dumm nur, dass ich auch gut Packesel hätte heißen können .. den großen Rucksack auf dem Rücken, den kleinen auf dem Bauch - bei ca. 35 Grad wahrlich kein Vergnügen. Da man sich im Busterminal weigert, das Gepäck bis zur Abfahrt am Nachmittag zu verwahren, wird der geplante Stadtrundgang kurzerhand zum Spaziergang auf der Strandpromenade. Kurze Zeit später sitze ich dann in dieser von Amis geprägten Stadt in einem mexikanischen Restaurant direkt am Strand und genieße ein französisches Frühstück. Um 10:30, na gut, effektiv um kurz vor 11 lasse ich La Paz schon wieder hinter mir fahre auf Platz 24 sitzend in einem auf Eiszeit getrimmten Bus mit schwarzen komplett zugezogenen Vorhängen und bespaßt mit Sleepy Hollow durch die staubtrockene Landschaft.
Als bereits nach einer halben Stunde Platz 1 und 2 frei wurden, konnte mich nichts mehr halten… Im Sturm ging’s nach vorn, Sleepy Hollow im Miniformat gegen eine Leinwand namens Windschutzscheibe eingetauscht. Also zurückgelehnt, Flasche Wasser statt Cola in der einen und Cashew-Kerne statt Popcorn in der anderen Hand, und die freie Sicht genossen… Interessanter kann eh kein Kinofilm sein und spannender teilweise auch nicht. So viele Schilder habe ich noch nie auf einer gerade einmal mäßig befahrenen Landstrasse gesehen.
„Curva peligrosa“ – an jeder Kurve.. wird dementsprechend auch nicht ernst genommen. „Bitte Sicherheitsgurt anlegen“ .. - ???
„Danke, dass Sie Ihren Gurt nutzen“ – Hä? Ich hab hier noch keinen gesehen, der, wenn überhaupt vorhanden, seinen Gurt nutzt…
„Ausfahrt in 500 m“ „Ausfahrt in 300 m“ „Ausfahrt in 150 m“ „Ausfahrt in 100 m“ „Ausfahrt in 50 m“ – wenigstens auf den Countdown von 10 bis 1 haben sie verzichtet
„Si moderá su velocidad, llegará con seguridad“ – richtig poetisch die Schildermaler...
Die Sprüche auf den anderen Schildern konnte ich leider nicht so schnell erfassen. Wenn man bei erlaubten 60 mit 110 und bei 40 mit 80 durch die Kurven rast, dann sieht man entsprechend auch nur die Hälfte. Teilweise musste ich mich, die Flasche zwischen die Knie geklemmt, richtig gut festhalten. Aber wenn ich die Vernunft ausschalte, die mir ständig in farbigen Bildern ausmalt, wie es wohl aussieht, wenn ich bei einer Vollbremsung durch die Frontscheibe fliege, muss ich zugeben, die Fahrt macht höllisch Spaß.
Die Landschaft ist einfach wunderschön, staubtrocken zwar und glühend heiß (ich will hier nicht im Sommer her), aber Sonne, strahlend blauer Himmel, riesige Kakteen zwischen trockenem Gestrüpp, Berge (na gut, im Vergleich zum Wochenanfang Hügel) und ab und zu das tiefblaue Meer, in den Dörfern künstlich am Leben erhaltene Palmen, bunte Häuschen (teilweise ziemlich heruntergekommen), Cowboys im Schatten am Straßenrand… ein bisschen wie im Western.
Nach gut 3 Stunden endet die Fahrt in San José del Cabo, dem ruhigeren der beiden Cabos (Ja, ich werde alt ;-). Direkt an der Busstation stand auch gleich ein Taxi (Hier gibt es nur auf den Transport von Amerikanermassen ausgerichtete Kleinbusse.) bereit, welches mich ins Nachbardorf Pueblo la Playa, in der Nähe des Hafens kutschiert. Beim „Delfin Blanco“ (meiner gebuchten Unterkunft) handelt es sich um das letzte Grundstück am Ende der Anhöhe direkt am Meer. Dahinter kommt nur noch ein ungenutzter Parkplatz (hier fährt man mit dem Auto direkt bis runter an den Strand, die Kühltasche mit dem Biervorrat für ne ganze Fußballmannschaft ist ja auch ganz schön schwer) und der Leuchtturm. Allerdings lassen die Bagger und ähnliches Werkzeug darauf schließen, dass der Delfin Blanco bald sternbesetzte Gesellschaft kriegen wird… rundherum ist weit und breit nur Baustelle, zum Glück arbeitet in der Semana Santa auch hier niemand.
Die Cabos reichen nicht mehr, der Ami breitet sich weiter in die umliegenden Dörfer aus. Die 5 vorhandenen Golfplätze (und das sind nur die, die ich gefunden hab) samt angehängten Schickimickiclubs zum Ausführen der Sommerbräune bzw. der verbrannten Nase reichen ja auch nicht aus. In 2 -3 Jahren wird das ruhige Pueblo wohl genauso aussehen, wie der Rest der Südspitze, die gesamte Strandpromenade zugepflastert mit Hotels. Schade… aber zum Glück bin ich ja jetzt hier.
Aber zurück zu meiner Unterkunft. Meine kleine Cabaña ist zwar sehr spartanisch aber total süß und hat sogar einen Kühlschrank. Auf dem Gelände gibt es eine Open Air Gemeinschaftsküche (soll mir bei meiner Vorliebe fürs Kochen egal sein) und 2 Gemeinschaftsbäder. Heute Abend reist noch eine mexikanische Großfamilie an… wir werden sehen, wie’s dann darin aussieht. Ansonsten gibt’s hier noch ein Ami-Päarchen in den Flitterwochen (?!?) und ein weiteres Päarchen. Ich werde meine Tagesausflüge also wohl allein machen. Die überschaubare Anlage ist sehr gepflegt und von meiner „Terrasse mit Frühstückstisch“ kann ich das Meer sehen J. Umgeben sind wir von rotbraunem Sand, einer dicken Staubwolke, wenn mal wieder ein Auto zum Strand runter heizt, Kakteen, Meer, Strand und einem müllbewachsener Dünenstreifen.
Nachdem ich von der Muchacha den Schlüssel entgegen genommen hatte, schmiss ich meinen Krempel nur schnell in meine Behausung und machte mich auf den Weg zur nächsten Einkaufsmöglichkeit, einem Minisuper, dessen Inhalt fast doppelt so teuer war, wie gewohnt… gut, man hatte mich ja vorgewarnt.
Danach stand gleich eine erste Erkundungstour auf dem Programm, die mich hinunter zum Strand führte… Horror… Mexikanische und amerikanische Großfamilien, samt Auto, Zelt und Grill und so weiter und so fort am Strand, den gesamten Kühlschrank verpackt in riesigen Kühlboxen griffbereit. Man könnte ja zwischen Mittag (vorher sieht man hier kaum eine Menschenseele, wie ich morgen feststellen werde) und Sonnenuntergang verhungern. Wird wohl nix mit einem schönen Schläfchen am Strand mit dem Meeresrauschen im Ohr. Enttäuscht spaziere ich weiter die staubige Straße entlang zum Hafen.
Vom „gehobenen“ Tourizentrum bin ich ganz offensichtlich noch kilometerweit weg. Hier gibt es nichts… keine Strandbars, nur zwei kleine komische Restaurants… na klar, wenn eh jeder sein Zeug mitschleppt, kann sich hier ja keine Futterstelle halten… keine Hotels, keine Ausflugsagenturen (Schade, eine solche suche ich eigentlich, um für morgen einen Bootsausflug zur Südspitze der Halbinsel zu buchen.) UND, es gibt keine Taxen oder Busse, die hier ab und zu mal vorbeifahren… entweder man hat ein Auto, oder wie in meinem Fall eben 2 Beine, um von A nach B zu gelangen, was bei dem Staub und der heißen Sonne schon ziemlich anstrengend ist.
Für heute hatte ich genug gesehen, also machte ich kehrt und lief zurück, als ich kurze Zeit später von einem Greyhound überholt wurde. Der komplett leere Bus hielt an und öffnete die vordere Tür. Auf dem Heck stand „Transporte privado gratuito“… kann also nicht allzu viel kosten, denk ich mir und laufe zur offenen Tür. Hinterm Steuer sitzt Juan (um späteren Verwechslungen vorzubeugen, kriegt der schon mal die Rückennummer 1), seines Zeichens Busfahrer bei der Security-Firma, die für die Sicherheit und das Fernbleiben von Schaulustigen auf der Riesenbaustelle verantwortlich ist. Wir quatschen kurz und dann darf ich ein Stück mitfahren. Er ist grad auf dem Weg zu einem bereits teilweise eröffneten Restaurant auf dem abgesperrten Gelände, das nur Schicki und Micki betreten dürfen. Um 5 haben nämlich die Kellner Feierabend und Juan Nr.1 kutschiert sie vom Restaurant nach Hause. Ob ich nicht die geheimnisvolle Anlage sehen möchte? Auf dem Weg könne er mir auch ein bisschen was dazu erzählen. Mein Bauchgefühl gab sein OK und so zuckelte ich mit ihm durch die staubige Landschaft, die sich schon bald in weitere Golfplätze, Feriendomizile und Hotels verwandeln wird. An jedem Sicherheitskontrollposten hob der Dienst habende Wachmann warnend den Zeigefinger als er mich im Bus sah, erntete aber nur ein lautes Lachen. Am Restaurant oben auf der Klippe angekommen mussten wir noch ein wenig warten und Wachmann Enrique verließ seinen Posten und gesellte sich zu unserer spaßigen Deutschland-Mexico-Vergleichsrunde. Draußen auf dem Meer sprangen die Wale in hohem Bogen aus dem Wasser… könnten auch Delphine gewesen sein. Aber momentan ist eigentlich „Walzeit“. Eine viertel Stunde später füllte sich der Bus mit 2 Kellnern und einer Kellnerin, allesamt jünger als ich und wegen der Arbeit aus allen Teilen Mexicos hierher gekommen (Baja California hat den höchsten Lebensstandard in ganz Mexico).
Als ich erzähle, dass ich den Arco besichtigen will, meint Juan gleich, dass er am Samstag vielleicht frei hat, dass er seine Señora fragen will und wir dann mit der ganzen Familie da hin fahren könnten. Enrique macht mir ebenfalls das Angebot, mich mit dorthin zu nehmen. Allerdings fährt er da heute Nacht hin, in irgendeine Disco. Nein danke, ich will den Felsen ja sehen…
Gut, auf Juans Einladung gebe ich auch nicht allzu viel, sage aber zu (der meldet sich eh nicht, und die Gefahr, dass ich ihn noch mal treffe, ist ja relativ gering). Kurze Zeit später verlasse ich den Bus direkt an den Cabañas.
Mittlerweile ist auch die Eigentümerin (alte Frau, aber total fit und fidel) des Delfin Blanco da und wir quatschen fast eine Stunde lang. Kater Garfield treibt derweil sein Unwesen auf dem Dach meiner Cabaña und sie schimpft in einer nicht-spanischen Sprache mit ihm. Ich frage sie, was das ist und sie meint „schwedisch“. Sie ist Schwedin (die strahlend blauen Augen hatten mich von Anfang an verwirrt), nein, seit 7 Jahren sei sie endlich Mexikanerin (Ich hab nicht weiter nachgefragt)… Für mich gab’s nun nur noch eine Dusche und ungetoastetes Toastbrot mit Marmelade und einem Glas Milch zum Abendbrot sowie einen letzten Blick aufs Meer, bevor ich um 8 völlig alle ins Bett fiel. Die letzte Nacht war einfach zu kurz gewesen.
