Mein Informationsjahr in México 2008

2008-02-10 Beobachtungen der letzten Woche

Bevor ich an dieser Stelle das große Lästern anfange, möchte ich festhalten, dass mich im Büro alle supernett aufgenommen haben und sich mein spanisches Gestammel geduldig anhören, wenn mir die einfachsten Wörter nicht einfallen. Einige lernen sogar fleißig deutsch… naja, bleibt wohl nicht aus, wenn die Quote an Stammhäuslern so hoch ist wie hier. Jedenfalls werde ich aus einigen Ecken immer mit einem strahlenden „Hallo, wie geht’s?“ begrüßt…

Gentlemen

Was mir hier bisher sehr positiv (da in meiner Gegenwart noch nicht übertrieben wurde) aufgefallen ist, ist das Benehmen der mexikanischen Vertreter der Spezies Mann. Türen (egal, ob Restaurant, Büro oder Taxi) zum Beispiel werden einer Frau prinzipiell immer aufgehalten.
Besonders bemerkenswert ist, dass, sobald eine Frau (egal ob hübsch oder runzelig) ein Besprechungszimmer betritt, in dem es nur 10 Stühle gibt, in dem sich aber schon 25 Leute sitzend, stehend oder an der Wand lehnend befinden, einer der Herren aufsteht und ihr den Sitzplatz anbietet, auch, wenn die Besprechung für 2 Stunden angesetzt ist. Hier gilt nicht wie bei uns, wer zuerst kommt, mahlt zuerst… Nein, Frau kann sich noch in Ruhe fertig schminken…. Womit wir beim nächsten Thema wären…

Beautysalon Siemensklo

Egal, wann ich die zum Büro gehörenden Örtlichkeiten aufsuche, es steht immer mindestens eine Latina vor dem Spiegel und schminkt oder kämmt sich, putzt sich die Zähne oder fönt ihr von der letzten Besprechung oder der langen Anreise so arg zerwuseltes Haupthaar wieder in die richtige Position. Häufig trifft man hier aber auch kleinere Grüppchen an, die mit ihren Beautytaschen in der Hand warten bis der Platz vorm Spiegel frei ist. Jetzt wundert mich auch nicht mehr, warum es hier Schließfächer gibt… Irgendwo muss der ganze Krempel ja hin.
Der aufmerksame Leser, der meine Abneigung gegen tägliche Kriegsbemalung kennt, ahnt nun schon, dass ich hier im Büro so ziemlich underdressed bin. Ich erscheine zwar schon in Stoffhose und Bluse (und nicht wie bisher gewohnt auch gern mal in Jeans und Pulli), aber ich habe weder auffallend lila Augenlider noch jeden Tag andersfarbige, perfekt auf die Kleidung abgestimmte Fingernägel.
Aber da die anderen deutschen Mädels hier genauso aus der Reihe fallen wie ich, werde ich auch weiterhin morgens nicht ne Stunde früher aufstehen, damit der Nagellack noch trocknen kann… ach so, meine Klamotten sind auch mindestens eine Nummer zu groß für den hiesigen Geschmack… Frau trägt es hier gern hauteng, egal ob schlank oder robust (wie es in der Immigrationserklärung so nett genannt wird)
Nach dieser Woche verstehe ich auch, warum die Kernarbeitszeit hier 08:30 (nicht immer ganz pünktlich, je nach Stau) bis 17:30 ist und die meisten so bis 19:00 im Büro sind. Effektiv gearbeitet wird wesentlich weniger… zieht man von den 9 Stunden die Mittagspause, die Beautystunden und den zu jeder Tageszeit stattfindenden Kaffeeklatsch ab, so bleibt nicht mehr viel übrig.
Die Männer beteiligen sich übrigens zumindest an dem Zahnputz- und Eincremeritual (ob die auch so lang vorm Spiegel stehen, kann ich nicht sagen).

Wadenbeißer Antje

Jetzt erklärt sich auch teilweise, warum man hier hinter allem, was von irgendjemandem erledigt werden soll ständig hinterher rennen muss. Erinnerungs-E-Mails nützen rein gar nichts. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die überhaupt gelesen werden. Nein, man muss, egal, was man will, zu der entsprechenden Person hinlatschen und sich am besten auf deren Schoß setzen, bis die gewünschte Arbeit erledigt ist. Denn wenn man die entsprechende Person nur wörtlich im Vorbeigehen erinnert, passiert weiterhin gar nichts… Rückrufe finden ebenfalls nicht statt.
Ich habe letzte Woche bestimmt ein Drittel meiner Arbeitszeit damit verbracht, den Kollegen und der Personalabteilung hinterher zu laufen… Sehr effektiv, muss ich schon sagen…
Nun ist es einfach vorstellbar, dass ich natürlich bisher weder einen Log-In noch einen Kugelschreiber oder Ordner (Büromaterial gibt es nur über die Sekretärin, wenn die mal Zeit und Lust hat) habe und dass ich mein technisches Equipment auch nur bekommen hab, weil mein Chef (ein Deutscher) es aus seiner Vorratskiste gezaubert hat. Ich habe mich auch noch nicht bei den mexikanischen Behörden registrieren können und mein für Donnerstag versprochenes Siemens-Bankkonto existiert auch noch nicht. Dementsprechend hab ich die Miete für mein Apartment natürlich auch noch nicht bezahlt. Aber darüber muss ich mir wohl keine Sorgen machen, ein Kollege hier ist aus dem gleichen Grund seit über einem Monat mit der Miete im Rückstand…
Ich werde also meine typisch deutsche Denk- und Arbeitsweise noch ein wenig anpassen müssen, um nicht völlig zu verzweifeln… obwohl mein Chef genau diese Anpassung nicht möchte… er will endlich mal Zucht und Ordnung in den Laden bringen ;-)

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